Todbringende Geheimnisse – Das Flüstern der Kiefern, Band 5 (TASCHENBUCH)
Todbringende Geheimnisse – Das Flüstern der Kiefern, Band 5 (TASCHENBUCH)
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Mit dem Einzug der kühlen Jahreszeit bereiten sich Jayne O’Shea und die übrigen Dorfbewohner auf den letzten großen Höhepunkt der Saison vor: das Fest der herbstlichen Tagundnachtgleiche. Es ist die Zeit, sich in guter Gesellschaft kulinarischen Genüssen hinzugeben und sich natürlich auch dem alljährlichen, äußerst beliebten Kochwettbewerb zu stellen. Doch was als harmonischer Wettstreit beginnt, verwandelt sich schnell in ein düsteres Rätsel, als einer der Teilnehmer – ein national anerkannter und geschätzter Spitzenkoch – tot im Wald aufgefunden wird.
Während sich der Verdacht gegen einen der Dorfbewohner richtet, weiß Jayne nur zu gut, dass hinter der Fassade oft mehr steckt als es auf den ersten Blick erscheint, besonders in Whispering Pines. Entschlossen macht sie sich daran, die Wahrheit ans Licht zu bringen und einen Unschuldigen zu schützen.
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Kapitel 1
DIE TOTE LAG MIT DEM GESICHT nach unten auf dem Feenpfad, auf halbem Weg zwischen The Twisty Skein und Ivy‘s Boutique.
„Hast du sie gefunden?“, fragte ich Violet.
„Nein.“ Sie schüttelte den Kopf und musterte die Frau mit gerunzelter Stirn. „Das war Ruby. Sie war auf dem Weg zu Skein, ihrem Geschäft, um es zu öffnen, und hatte sich beim Bean Grinder noch schnell einen Chai geholt.“
„Um es zu öffnen?“, fragte ich erstaunt. „Das wäre ja dann vor sieben Uhr morgens gewesen. Ist das nicht ein wenig früh? Wer bitte geht denn um diese Uhrzeit in einen Bastelladen?“
Violet richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf mich und zog irritiert eine Augenbraue hoch. „Du bist heute Morgen aber richtig wortklauberisch, Sheriff Jayne. Ruby sagte lediglich, sie sei auf dem Weg zur Arbeit gewesen. Ich gehe davon aus, dass sie für Kunden wie üblich erst um neun aufmachen wollte. Mit ‚öffnen‘ meinte ich, sie würde ihre morgendlichen Routinearbeiten erledigen. Keine Ahnung, wie genau die aussehen, aber vielleicht sind das die einzigen Stunden am Tag, an denen sie die Zeit findet, sich um den Papierkram zu kümmern.“
Ich nickte kleinlaut ob dieser Zurechtweisung, aber wann immer hier in Whispering Pines eine Leiche auftauchte, genügte schon die kleinste Abweichung von der Norm, und meine Alarmglocken begannen zu schrillen.
„Ich kann nicht fassen, dass sie tot ist.“ Erneut starrte Violet auf die Frau. „Das ist doch Gin, oder?“
Langes, kupferrotes Haar bedeckte das Gesicht des Opfers, doch für mich gab es keinen Zweifel an ihrer Identität. Diese Farbe machte Ginger „Gin“ Wakefield unverwechselbar.
Sie, ehemalige Chef-Bäckerin und Inhaberin von Wakefield’s Treats and Sweets sowie einstige Bewohnerin von Whispering Pines, war ins Dorf zurückgekehrt, um das Mabon-Fest zu feiern. Und diejenigen, die sie noch von früher kannten, waren begeistert, dass sie und ihr Team begnadeter Konditormeister ihnen einen Besuch abstatteten. Okay … nicht alle freuten sich darüber. Sugar beispielsweise, die Besitzerin des Süßwarenladens im Ort, war seit Kindertagen ihre Erzfeindin. Allein schon die Tatsache, dass Ginger plötzlich wieder aufgetaucht war, ging ihr gegen den Strich. Und als sie dann noch erfuhr, dass diese am Backwettbewerb des Festivals teilzunehmen gedachte – genau dem Wettbewerb, den Sugar dieses Jahr unbedingt gewinnen wollte –, war aufgebracht noch eine viel zu milde Beschreibung für ihre Reaktion.
„Ich denke, wir können davon ausgehen, dass es Gin ist“, sagte ich zu Violet. Außer den Puls zu fühlen, durfte ich den Leichnam nicht weiter berühren, solange der Gerichtsmediziner nicht eingetroffen war. So blieb uns nichts anderes übrig, als anzunehmen, dass es sich tatsächlich um besagte Person handelte.
„Es verspricht ein arbeitsreiches Wochenende zu werden“, sinnierte Violet, den Blick erneut auf die Tote gerichtet. „Das Gleiche wie jedes Jahr: Kaum ist das Labor-Day-Wochenende abgehakt und wir hoffen auf ein wenig Ruhe, steht auch schon das Mabon-Fest vor der Tür. Und Samhain lässt ebenfalls nicht lange auf sich warten.“
„Es war also Ruby, die sie gefunden hat, richtig?“, lenkte ich sie wieder auf das eigentliche Thema zurück.
„Richtig, entschuldige. Ja, Ruby weiß, dass wir im Grinder ein Walkie-Talkie haben, also ist sie zurückgelaufen und hat mich gebeten, dich zu kontaktieren.“
Da es im Dorf so gut wie kein Mobilfunknetz gab, hatte ich jeden Laden mit einem Funkgerät ausgestattet. Somit waren mein Deputy und ich im Notfall immer erreichbar … und Notfälle waren hier an der Tagesordnung. Eigentlich seltsam für einen so kleinen Ort.
„Wo ist sie jetzt?“
Violet wandte sich endgültig von der Toten ab. „Sie war total erschüttert über den Fund, also habe ich ihr gesagt, sie solle wie geplant in ihren Laden gehen, und dass ich hier auf dein Eintreffen warten würde.“ Sie deutete auf die kurze, piniengrüne Schürze, die noch um ihre Taille gebunden war. „Ich bin so schnell los, mir ist erst auf halbem Weg hierher aufgefallen, dass ich vergessen hatte, sie auszuziehen.“
„Wir müssen die Leute von dem Weg fernhalten“, sagte ich zu ihr. „Deputy Reed sollte zwar jeden Moment auftauchen, aber bis dahin obliegt es mir, den Tatort zu sichern.“
„Was kann ich tun?“, fragte Violet, sofort bereit zu helfen.
Ich ließ meinen Blick den Feenpfad entlang in Richtung Osten zu Rubys Laden wandern, während ich im Geist bereits eine To-do-Liste erstellte. Durch die gesprenkelten Schatten, die das frühe Sonnenlicht warf, konnte ich ein kleines weißes Etwas ein paar Meter hinter dem The Twisty Skein ausmachen. Es war Meeka, mein West Highland White Terrier und gleichzeitig meine K-9-Stellvertreterin. Wie ein steinerner Wächter stand sie mitten auf dem Holzsteg, der sich durch den Kiefernhain schlängelte. Schon auf dem Weg vom Revier hierher war sie unruhig geworden, offensichtlich hatte sie die Leiche bereits von Weitem gewittert. Und da diese frei zugänglich lag und ihre Spürnase nicht weiter benötigt wurde, hatte ich ihr kurzerhand befohlen, dort auf mich zu warten. Froh, endlich einmal wieder eine sinnvolle Aufgabe zu haben, war meine Kleine fest entschlossen, jeden aufzuhalten, der sich hierhin verirren sollte.
„Als Erstes“, sagte ich zu Violet, „brauchen wir Posten an beiden Enden des Pfads, damit niemand hier durchläuft und mögliche Spuren verwischt.“
Violet deutete mit der Hand in Richtung des Dorfplatzes. „Mein Bruder hat bereits auf der anderen Seite Stellung bezogen.“
„Und wer kümmert sich im Grinder um die Kunden?“ Das Ye Olde Bean Grinder, das örtliche Café, war morgens eigentlich immer brechend voll.
„Bisher hält sich der Ansturm in Grenzen. Nur ein paar Einwohner sind da. Lily Grace hat ein Auge auf alles, bis einer von uns zurückkommt. Spezialkaffees kann sie natürlich nicht zubereiten, aber es steht eine große Kanne von der normalen Mischung bereit, aus der sie die Tassen nachfüllen kann. Und einen Scone abzukassieren, sollte sie auch hinbekommen.“
„Lily Grace?“ Was das Wahrsagen anbelangte, war der Teenager begabter als die meisten anderen, die diesem Job nachgingen. In alltäglichen Dingen hingegen ließ ihre Zuverlässigkeit zu wünschen übrig.
„In der letzten Woche, vielleicht sogar in den letzten zehn Tagen, hat sie nach der Schule fast immer vorbeigeschaut. Keine Ahnung, warum sie heute so früh reingeschneit ist. Vermutlich hat sie lange gelernt und brauchte dringend Koffein. Also – soll ich Meekas Posten übernehmen?“
„Das wäre nett. Ich muss auch mit Ruby sprechen.“
„Dann schaue ich zuerst kurz bei ihr im Laden vorbei und bitte sie, zu dir zu kommen.“
„Perfekt. Danke, Violet.“
Damit wäre zumindest ein Problem aus der Welt geschafft. Allerdings gab es eine viel größere Frage, die sich mir aufdrängte: Hatte ein harmloser Backwettbewerb tatsächlich in einem Mord geendet? Sofort kam mir ein möglicher Täter in den Sinn … aber nein, das konnte nicht sein. Sugar war doch keine Mörderin. Oder etwa doch?
